Hochschule Düsseldorf
University of Applied Sciences
Fachbereich Sozial- & Kulturwissenschaften
Faculty of Social Sciences and Cultural Studies


Theoretischer Hintergrund

​Der Titel des Projektes „Studienpioniere – Ein inklusives Hochschulkonzept zur Studierendenförderung“ weist bereits darauf hin, dass es zum einen um eine Gruppe von Studierenden geht, nämlich um Personen, die als erste ihrer Familien studieren und dass zum anderen Hochschule als inklusiver Raum gedacht wird, der Diversität zulässt und wertschätzt, jedoch versucht Hierarchisierungen unterschiedlicher Gruppenzugehörigkeiten und etwaigen Machtgefällen entgegenzuwirken. In diesem Sinne ist das Projekt mehr als nur eines, das sich unter den sehr unterschiedlich gebrauchten Begriff des Diversity Management subsumieren lässt. Vielmehr handelt es sich wegen des Anspruches, Hierarchien und Hierarchisierungen, die mit (konstruierten) Gruppenzugehörigkeiten verknüpft sind, zu begegnen, dabei mindestens auch um Diversity Politics.


Theoretisch-konzeptionelle Fragen

Dieser Gegenstand und der Anspruch werfen Fragen auf, die nicht nur praktischer, sondern theoretisch-konzeptioneller Antworten bedürfen, weshalb im Folgenden der heuristische Ansatz des Projektes kurz umrissen werden soll:

Warum eine spezielle Gruppe von Studierenden herausgreifen und sie so womöglich zu klientelisieren, d.h. zu einer Art „Opfergruppe“ zu machen und sie damit möglicherweise Stigmatisierungen und Diskriminierungen auszusetzen? Wie lässt sich das verhindern?
Wie lässt es sich vermeiden, einen Defizite generierenden Blick auf eine Gruppe zu richten, die gestärkt werden soll?

Wie lässt es sich verhindern, dass unterschiedliche Diversity-Dimensionen gegeneinander ausgespielt werden, etwa Studienpioniere zu stärken bzw. deren Studienbedingungen zu verbessern und alle anderen Menschen mit unterschiedlichen hierarchisierten Gruppenzuschreibungen und -zugehörigkeiten zu vergessen oder gar zu benachteiligen?

Wenn es um eine bestimmte Gruppe oder mehrere bestimmte Gruppen geht, wäre dann ein Integrationskonzept nicht passender als der Inklusionsansatz?


Habitus-Struktur-Reflexivität, Inklusion und Ressourcenorientierung

Um die berechtigten Fragen und die benannten Probleme aufzugreifen, arbeiten wir in dem Projekt mit einem Ansatz, der es erlaubt, von Gruppenzugehörigkeiten zu abstrahieren, alle gewünschten Diversity-Dimensionen berücksichtigen zu können und die Studienprobleme bzw. das vermeintliche Versagen nicht ausschließlich auf der Seite der Studierenden anzusiedeln.

Mit der Heuristik der Habitus-Struktur-Reflexivität (Schmitt 2010; 2014) nehmen wir deshalb nicht nur die Seite der Akteur_innen (in diesem Falle der Studierenden) in den Blick, sondern verstehen ein gutes und erfolgreiches Studieren unter anderem als eine Frage der Passung von mitgebrachten Ressourcen sowie sozialen Dispositionen (Habitus) der Studierenden auf der einen Seite und den Strukturen des Studiums auf der anderen. Damit ist erstens sichergestellt, dass die Probleme nicht ausschließlich auf der Seite der Subjekte angesiedelt und bearbeitet werden sollen, sondern auch eine Modifikation von Studienstrukturen ins Blickfeld gerückt wird. Zweitens bezeichnet die Habitus-Seite nicht eine bestimmte Gruppe von Studierenden, denn unter Habitus werden alle Erfahrungen verstanden, die Menschen von Geburt an machen und die sich in ihrem Körper niederschlagen. Jeder Mensch hat also einen Habitus, der aus einem stabilen Kern früher Erfahrungen besteht, sich aber permanent im Zuge neuer Erfahrungen modifiziert und aktualisiert. Das bedeutet drittens, dass nicht verschiedene Diversity-Dimensionen ignoriert oder gegeneinander ausgespielt werden. In den Habitus fließen alle sozial generierten individuellen Erfahrungen ein. Er ist somit gleichermaßen individuell und sozial, auch wenn der Begriff in der Forschung häufig dazu verwendet wird, die Dimensionen soziale Herkunft und Geschlecht anzusprechen bzw. zu untersuchen.

Habitus-Struktur-Passungsverhältnisse unter die Lupe zu nehmen bzw. im Sinne eines guten Studiums zu modifizieren bedeutet viertens nicht – und dies wäre auch gar nicht möglich – eine 100%ige Passung für alle Studierenden zu gewährleisten. Damit würden auch Entwicklungschancen und -möglichkeiten gebremst. Dies ist nicht Ziel und wird von Studierenden auch nicht gewünscht. Oft werden auf unterschiedlich subtile Art Habitustransformationswünsche von Studierenden geäußert. Diese können aber nicht realisiert werden, wenn die bisherige Biographie ignoriert oder gar im Abgleich mit den umgebenden Strukturen als defizitär erlebt wird. Es ist bekannt, dass eine Grundvoraussetzung für ein zufriedenstellendes Studium die Möglichkeit ist, die eigene Biographie mit in das Feld des Studierens einbringen zu können (Graf/Krischke 2004). Diese Möglichkeiten sind für Studienpioniere begrenzter, weil ihre Biographie in der Regel bislang weniger mit dem akademischen Feld konfrontiert wurde, dieses ihnen also tendenziell fremder ist.

Dadurch, dass im Projekt vor allem die Seite der wahrgenommen Strukturen fokussiert wird, ist fünftens auch klar, dass es nicht um Integration geht. Denn dies würde bedeuten, etwas Fremdes, Unpassendes in etwas Bestehendes zu integrieren. Sechstens kann der Ansatz der Habitus-Struktur-Reflexivität damit auch den Blick auf die Ressourcen einer heterogenen Studierendenschaft richten, für die die Strukturen des Studiums (z.B. Lehrende, Prüfungsordnungen, didaktische Konzepte) bisweilen möglicherweise wenig sensibel sind.

Mit Habitus-Struktur-Reflexivität und Inklusion sind siebtens alle Akteur_innen (Lehrende, Studierende, Mitarbeiter_innen der Verwaltung) der Hochschule als Einfluss- und Veränderungsgröße angesprochen. Mit diesem Ansatz kann achtens auch der Gefahr begegnet werden, die dem Konzept der Inklusion innewohnt, nämlich alle Elemente des Systems als „gleich unterschiedlich“ wahrzunehmen und damit Ungleichheit zu verschleiern und effektiv zu ihrer Reproduktion beizutragen. Dies ist mit der Brille der Habitus-Struktur-Reflexivität nicht mehr möglich. „Was die Sozialwelt hervorgebracht hat, kann die Sozialwelt mit einem solchen Wissen ausgerüstet auch wieder abschaffen. Eines ist jedenfalls sicher: nichts ist weniger unschuldig, als den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen“ (Bourdieu 1997; 826).


Literatur:

Bourdieu, Pierre u.a. (1997): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz.

Graf, Gabriele/Krischke, Norbert R. (2004): Psychische Belastungen und Arbeitsstörungen im Studium. Grundlagen und Konzepte der Krisenbewältigung für Studierende und Psychologen, Stuttgart.

Schmitt, Lars (2010): Bestellt und nicht abgeholt. Soziale Ungleichheit und Habitus-Struktur-Konflikte im Studium, Wiesbaden.

Schmitt, Lars (2014): Der Herkunft begegnen... – Habitus-Struktur-Reflexivität in der Hochschullehre, in: Diversität konkret. Handreichungen für das Lehren und Lernen an deutschen Hochschulen, Heft 1/2014.


Laufzeit

2014 - 2017


Förderer

Stiftung Mercator

Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft


Kontakt

Sabine Evertz