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Fachbereich Sozial- & Kulturwissenschaften
Faculty of Social Sciences and Cultural Studies

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Sozial- und Kulturwissenschaften / Migration, Forschung, Sozial- und Kulturwissenschaften
23.07.2026

Zwischen Herkunft und Zugehörigkeit: Ilnaz Amiri forscht zur sozialen Identität

​​Seit Februar forscht Ilnaz Amiri als Gastwissenschaftlerin an der Hochschule Düsseldorf (HSD). Für die iranische Doktorandin ist der Aufenthalt nicht nur eine wichtige Station ihrer wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch die Erfahrung eines neuen akademischen und gesellschaftlichen Umfelds.

Am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Kinder mit iranischen Müttern und afghanischen Vätern ihre soziale Identität entwickeln. Im Interview mit HSD-Pressesprecher Tim Wellbrock spricht sie über ihre ersten Monate an der HSD, ihr Forschungsprojekt und darüber, welche Rolle Herkunft, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für Identität spielen.
Frau Amiri, Sie sind seit Februar als Gastwissenschaftlerin an der Hochschule Düsseldorf. 

Wie haben Sie Ihre ersten Monate an der HSD erlebt?

Ich bin am 9. Februar dieses Jahres in Düsseldorf angekommen und erinnere mich noch sehr genau an meinen allerersten Tag an der Hochschule Düsseldorf.
 
An meinem ersten Tag hatte ich ein Treffen mit Prof. Dr. Susanne Spindler, die mich freundlicherweise als Gastwissenschaftlerin aufgenommen hat, mit Dr. Monika Katz vom International Office und mit Mariele Eichholz, die mich bei Fragen zu meiner Zulassung, zum Anmeldeverfahren und zu weiteren administrativen Angelegenheiten unterstützt haben.

Was mir von dieser ersten Begegnung am stärksten in Erinnerung geblieben ist, ist die herzliche und freundliche Atmosphäre, die sie geschaffen haben. Sie haben mich nicht nur als internationale Wissenschaftlerin oder als Gast aus einem anderen Land willkommen geheißen, sondern auch als Menschen mit meinen eigenen Erfahrungen und Lebensumständen. Zu dieser Zeit durchlief mein Heimatland schwierige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Herausforderungen, und zugleich erlebte ich persönlich eine Phase der räumlichen Distanz zu meiner Familie.
 
Was hat Sie nach Düsseldorf und insbesondere an die HSD geführt?

Für Promovierende an Universitäten im Iran besteht die Möglichkeit, sich für einen Forschungsaufenthalt an einer ausländischen Hochschule zu bewerben, indem sie Kontakt zu Professorinnen und Professoren aufnehmen, deren Forschungsinteressen mit der eigenen wissenschaftlichen Arbeit verbunden sind. Diese Forschungsaufenthalte dauern in der Regel mindestens sechs Monate, können aber – abhängig von den Visabedingungen und der gastgebenden Institution – um weitere sechs oder sogar zwölf Monate verlängert werden.

Als ich nach einem Ort für meinen Forschungsaufenthalt suchte, gab es mehrere wichtige Faktoren, die meine Entscheidung beeinflusst haben. Der wichtigste Faktor war, eine Professorin oder einen Professor zu finden, deren oder dessen wissenschaftliche Expertise eng mit meinem eigenen Forschungsgebiet verbunden ist.

Der zweite Faktor war, dass ich einen längeren Zeitraum im Ausland verbringen würde und deshalb das akademische Leben gern in einer der größeren Städte Deutschlands kennenlernen wollte, in der ich zugleich mit einem vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld in Berührung kommen konnte.

Die Hochschule Düsseldorf war daher eine der Möglichkeiten, die ich in Betracht gezogen habe, und ich empfinde es als großes Glück, dass Prof. Dr. Susanne Spindler meiner Anfrage zugestimmt und mich als Gastwissenschaftlerin an der HSD aufgenommen hat. Ihre Expertise, insbesondere in den Bereichen Migration, Flucht und damit verbundenen sozialen Fragen, steht in engem Zusammenhang mit meinen eigenen Forschungsinteressen.

Sie forschen zum Thema „Konstruktion sozialer Identität bei Kindern mit iranischen Müttern und afghanischen Vätern“. Worum genau geht es in Ihrem Promotionsprojekt?

Mein Promotionsprojekt befasst sich mit der Konstruktion sozialer Identität bei Kindern mit iranischen Müttern und afghanischen Vätern. Genauer gesagt untersucht es die Erfahrungen der zweiten Generation afghanischer Migrantinnen und Migranten im Iran, mit einem besonderen Fokus auf Kinder aus Ehen zwischen iranischen Frauen und afghanischen Männern.

Mein Interesse an diesem Thema entwickelte sich während meiner Masterforschung an der Universität Shiraz, in der ich das Familienleben iranischer Frauen untersuchte, die mit afghanischen Männern verheiratet sind. Im Verlauf der Interviews und bei Besuchen in den Familien wurde mir nach und nach bewusst, mit wie vielen Herausforderungen deren Kinder konfrontiert waren.

Eine der wichtigsten Fragen, die sich aus diesen Begegnungen ergab, bezog sich auf Identität: Wie verstehen diese Kinder sich selbst? Wo fühlen sie sich zugehörig? Wie handeln sie ihre soziale Identität zwischen unterschiedlichen Hintergründen und gesellschaftlichen Erwartungen aus?

In meiner aktuellen Forschung möchte ich verstehen, wie diese Kinder ihre sozialen Identitäten konstruieren und wie Faktoren wie familiärer Hintergrund, gesellschaftliche Anerkennung, Zugehörigkeit und Erfahrungen innerhalb der Gesellschaft ihr Identitätsgefühl beeinflussen.

Soziale Identität bezeichnet, wie wir sie in der Soziologie verstehen, einen wichtigen Teil der Art und Weise, wie Menschen sich selbst verstehen und definieren – durch ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Gruppen und Kategorien sowie durch ihre Interaktionen mit der Gesellschaft. Anders gesagt geht es um die Frage: Wer bin ich im Verhältnis zu der Gesellschaft, in der ich lebe, und zu den unterschiedlichen Gruppen um mich herum?
 
Warum ist dieses Forschungsthema aus Ihrer Sicht gesellschaftlich relevant?

Die gesellschaftliche Bedeutung dieses Themas hängt eng mit dem größeren Kontext der afghanischen Migration in den Iran zusammen. Der Iran ist eines der wichtigsten Aufnahmeländer für afghanische Migrantinnen und Migranten und nimmt seit mehreren Jahrzehnten eine große afghanische Migrationsbevölkerung auf. Nach der nationalen Volkszählung von 2016 lebten rund 1,5 Millionen afghanische Staatsangehörige im Iran. Diese Zahl umfasst jedoch nicht alle afghanischen Migrantinnen und Migranten, insbesondere nicht diejenigen ohne regulären Aufenthaltsstatus. Neuere offizielle Angaben deuten darauf hin, dass die Zahl der afghanischen Migrantinnen und Migranten im Iran deutlich höher liegen könnte – bei etwa sechs Millionen.

Afghanische Migration ist daher ein wichtiges gesellschaftliches Thema im Iran – sowohl im Hinblick auf die Erfahrungen der Migrantinnen und Migranten selbst als auch auf die Herausforderungen für die Aufnahmegesellschaft.

Meine Forschung konzentriert sich auf Kinder, die im Iran geboren und aufgewachsen sind, dort Schulen besucht, soziale Beziehungen aufgebaut und ihr Leben innerhalb der iranischen Gesellschaft geführt haben, zugleich aber über ihre Väter einen afghanischen familiären Hintergrund haben.

Welche Rolle spielen Herkunft, Familie, Sprache, Zugehörigkeit oder gesellschaftliche Zuschreibungen bei der Identitätsbildung der Kinder, die Sie untersuchen?

Die Bildung sozialer Identität bei den von mir untersuchten Kindern lässt sich durch das Zusammenspiel größerer gesellschaftlicher Strukturen und ihrer alltäglichen Lebenserfahrungen verstehen.

Die Familie ist nicht nur die erste Bildungs- und Sozialisationsinstanz, mit der ein Kind in Berührung kommt; sie ist auch der erste Raum, in dem Kinder das Nebeneinander zweier kultureller Hintergründe und in manchen Fällen zweier unterschiedlicher rechtlicher Positionen erleben. Eine iranische Mutter und ein afghanischer Vater können zu einer komplexen Verbindung kultureller Erfahrungen führen. Für manche Kinder kann dieses doppelte kulturelle Umfeld eine Quelle von Bereicherung, Verbundenheit und Zugehörigkeit sein, während es für andere Spannungen und Widersprüche erzeugen kann.

Auch der rechtliche Kontext spielt bei diesen Erfahrungen eine wichtige Rolle. Historisch gab es im Iran Unterschiede bei der Weitergabe der Staatsangehörigkeit über Mütter und Väter, und dies hat den rechtlichen Status sowie das Sicherheitsgefühl vieler Kinder aus iranisch-afghanischen Ehen beeinflusst. Zwar haben gesetzliche Reformen die Möglichkeit geschaffen, dass iranische Mütter ihre Staatsangehörigkeit an ihre Kinder weitergeben können, doch bei der Umsetzung bestehen weiterhin Herausforderungen. Infolgedessen kann die afghanische Herkunft des Vaters die soziale und rechtliche Stellung des Kindes beeinflussen und sich darauf auswirken, ob es sich als voll anerkanntes Mitglied der iranischen Gesellschaft fühlt oder sich selbst als „anders“ beziehungsweise als „Andere“ erlebt.

Sprache kann dagegen auch als verbindender Faktor wirken. Die persische Sprache schafft trotz unterschiedlicher Akzente und Dialekte eine gemeinsame Kommunikationsbasis zwischen Iran und Afghanistan.

Das Zugehörigkeitsgefühl dieser Kinder ist daher weder festgelegt noch vorbestimmt. Abhängig von ihren persönlichen Erfahrungen und den Reaktionen, die sie aus ihrem Umfeld erhalten – sowohl auf individueller als auch auf struktureller Ebene –, können sie sich auf unterschiedliche Weise definieren. Manche entwickeln möglicherweise ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zur iranischen Gesellschaft, also zu dem Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen sind. Andere fühlen sich möglicherweise stark mit ihrem afghanischen Erbe und dem kulturellen Hintergrund ihres Vaters verbunden. Wieder andere erleben ihre Identität möglicherweise als einen Raum zwischen diesen beiden Hintergründen.

Darüber hinaus haben gesellschaftliche Zuschreibungen und Wahrnehmungen, die Menschen zugewiesen werden, einen erheblichen Einfluss. Die Gesellschaft, einschließlich der Medien und vorherrschender kultureller Narrative, kann bestimmte Stereotype über Migrantinnen und Migranten reproduzieren, insbesondere über afghanische Migrantinnen und Migranten im Iran. Wenn diese Kinder mit solchen Stereotypen und gesellschaftlichen Haltungen konfrontiert werden, können sie bei der Frage, wer sie sind, Ambivalenz, Aushandlungsprozesse oder Spannungen erleben.
 
Gibt es Aspekte Ihrer Forschung, die auch für andere Migrationsgesellschaften interessant sind, zum Beispiel für Deutschland oder Europa?

Deutschland gehört zu den Ländern mit einer langen Einwanderungsgeschichte und hat im Laufe der Zeit unterschiedliche Phasen der Migration sowie unterschiedliche Migrationspolitiken erlebt. Die Erfahrungen großer migrantischer Gemeinschaften, etwa von Menschen mit türkischer Familiengeschichte in Deutschland, zeigen, wie wichtig es ist, Fragen von Zugehörigkeit, Anerkennung, Identitätsbildung und gesellschaftlicher Integration über Generationen hinweg zu verstehen.

Obwohl sich die historischen, rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen unterscheiden, stellen sich auch hier ähnliche Fragen nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Identitätsbildung über Generationen hinweg.

Sie werden am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften von Professorin Susanne Spindler betreut. Wie erleben Sie den wissenschaftlichen Austausch an der HSD?

Seit meiner Ankunft an der HSD habe ich den wissenschaftlichen Austausch als außerordentlich positiv erlebt. Schon bei meinem ersten Treffen mit Prof. Dr. Spindler habe ich nicht nur wissenschaftliche Unterstützung erfahren, sondern auch Freundlichkeit, Verständnis und persönliche Ermutigung.

Eine der besonders einprägsamen Erfahrungen während meines Forschungsaufenthalts war die Teilnahme an einer migrationsbezogenen Konferenz in Hamburg, zu der ich Prof. Dr. Spindler begleiten konnte. Das war für mich eine völlig neue und wertvolle Erfahrung.

Eine weitere wertvolle Erfahrung war, zwei Vorträge an der HSD zu halten: einen für Bachelorstudierende und einen weiteren für Masterstudierende. In diesen Vorträgen sprach ich über afghanische Migrantinnen und Migranten im Iran sowie über die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation in meinem Heimatland. Vor Studierenden mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Erfahrungen und Nationalitäten zu präsentieren, war für mich eine sehr bereichernde Erfahrung.

Diese Möglichkeiten haben erheblich zu meiner wissenschaftlichen und persönlichen Entwicklung beigetragen. Ich habe mit Prof. Dr. Spindler auch über die Möglichkeit gesprochen, in Zukunft eine gemeinsame Publikation zu entwickeln. Ich hoffe, dass diese wissenschaftliche Zusammenarbeit über meinen derzeitigen Forschungsaufenthalt hinaus fortgesetzt werden kann.

Ihr Aufenthalt wurde inzwischen bis Mitte Dezember verlängert. Was bedeutet diese Verlängerung für Ihre Forschung und Ihre weitere Arbeit?

Ich bin Anfang des Jahres nach Deutschland gekommen, und mein Visum war zunächst bis Mitte Juni gültig. Während dieser sechs Monate befand sich mein Heimatland jedoch in einer besonders schwierigen Situation, was meine Konzentration und meine Fähigkeit, in vollem Umfang von meinem Forschungsaufenthalt zu profitieren, erheblich beeinträchtigte.

Obwohl ich an wissenschaftlichen Aktivitäten teilnehmen und wertvolle Erfahrungen sammeln konnte, hatte ich das Gefühl, diese Möglichkeit nicht in dem Maße genutzt zu haben, wie ich es mir erhofft hatte. Deshalb entschied ich mich, meinen Forschungsaufenthalt zu verlängern.

Und natürlich wollte ich, nachdem ich einen kalten deutschen Winter erlebt hatte, auch die Gelegenheit haben, den schönen deutschen Sommer kennenzulernen! Das ist zum Teil ein Scherz, aber es stimmt, dass Deutschland in den Sommermonaten besonders schön ist. Noch wichtiger ist jedoch, dass mir der längere Aufenthalt ermöglicht, das akademische und kulturelle Umfeld hier noch intensiver zu erleben und diese Möglichkeit bestmöglich zu nutzen.
 
Was wünschen Sie sich für den Rest Ihrer Zeit an der HSD, und was möchten Sie aus Düsseldorf für Ihre wissenschaftliche Laufbahn mitnehmen?

Wenn ich auf meinen Forschungsaufenthalt zurückblicke, kann ich ehrlich sagen, dass ich all das erlebt habe, was ich mir erhofft hatte, als ich mich entschied, an die Hochschule Düsseldorf zu kommen. Das unterstützende akademische Umfeld, das ich hier vorgefunden habe, hat meine Erwartungen übertroffen und meine wissenschaftliche wie persönliche Entwicklung sehr bereichert.

Besonders möchte ich Prof. Dr. Susanne Spindler meinen herzlichen Dank aussprechen. In einer Zeit, in der mein Heimatland mit schwierigen gesellschaftlichen und politischen Umständen konfrontiert war und ich selbst viele Unsicherheiten erlebte, haben mir ihre Ermutigung, ihr Verständnis und ihre Freundlichkeit sehr viel bedeutet.

Ich möchte mich außerdem bei Mariele Eichholz vom International Office bedanken. Während des gesamten Bewerbungs- und Zulassungsprozesses hat sie meine Fragen geduldig beantwortet und mich in unschätzbarer Weise unterstützt.

Mein Dank gilt auch Sandra Lersch, deren Arbeit bei der Koordination internationaler Austauschaktivitäten viele Möglichkeiten für internationale Forschende geschaffen hat, mit der Hochschulgemeinschaft in Kontakt zu kommen. Durch die Veranstaltungen, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen organisiert haben, hatte ich die Freude, viele wunderbare Menschen kennenzulernen. Diese Veranstaltungen haben mir das Gefühl gegeben, wirklich als Teil der HSD-Gemeinschaft willkommen zu sein.

Frau Amiri, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.​​​

Die iranische Gastwissenschaftlerin Ilnaz Amiri
Otto Schumacher
Im Interview: Ilnaz Amiri

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