Die HSD hat einen Kollegen, einen Freund, einen engagierten Wissenschaftler und einen leidenschaftlichen Antifaschisten verloren: Am vergangenen Donnerstag ist Alex im Krankenhaus verstorben. Seit über fünfundzwanzig Jahren war er am Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/ Neonazismus – einige von uns kennen ihn noch länger, andere haben über zwanzig Jahre mit ihm an der Hochschule zusammengearbeitet.
Alex war über viele, viele Jahre das öffentliche Gesicht von FORENA – in Interviews mit Medien, im Fernsehen und als Vortragender bei unzähligen Veranstaltungen. Seine detaillierten Kenntnisse der radikalen Rechten, ab 2013 dann vor allem der AfD – machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner, der seine Position nachdrücklich zu vertreten und auf den Punkt zu bringen wusste.
Alex war belesen – im philosophischen Schrifttum ebenso wie in der umfangreichen Literatur zu Ursachen und Erscheinungsformen des autoritären Nationalismus. Zusammen mit seinem in langen Jahren erworbenen Wissen über die entsprechenden Phänomene beteiligte er sich intensiv an der wissenschaftlichen Debatte – mit Vorschlägen zur Begriffs- und Theoriebildung, aber auch zur Analyse und Einordnung von Entwicklungen. Er gehörte zu den Ersten, die sich systematisch mit dem Rechtspopulismus der 1990er Jahre und später mit der AfD befassten.
Den Erinnerungsort Alter Schlachthof unterstützte er von Beginn an, sowohl in der inhaltlichen Diskussion um ein Konzept als auch tatkräftig beim Aufbau der Ausstellung. Das Erinnern der NS-Verbrechen, die Auseinandersetzung mit der Shoa und die Kritik des Antisemitismus gehörten zu seinem politischen wie wissenschaftlichen Selbstverständnis.
Bei aller wissenschaftlichen Streitbarkeit, die er verkörperte, war Alex im Umgang mit jüngeren Kolleg*innen immer unterstützend, inspirierend und auf Augenhöhe geduldig, wenn es darum ging, sie in ihren Fähigkeiten und Herzensthemen zu fördern, Hinweise zu geben und zu eigenem Handeln zu ermutigen.
Als politisch denkender Mensch und als Wissenschaftler war es ihm wichtig, in einem Team zu arbeiten, wusste er doch um den Wert kollektiver Intelligenz. In das FORENA-Team brachte er sein anpackendes und einnehmendes Wesen ein, seine solidarische Unterstützung und Großzügigkeit – und seine klare Haltung und einen kämpferischen Impetus. Sein Lachen, seine Wärme, seine inspirierende Präsenz und seine Herzlichkeit bleiben uns immer im Gedächtnis.
Mit neuen Technologien der Schreibtischarbeit oder mit bürokratischen Abläufen tat Alex sich gerne mal schwer oder legte sie augenzwinkernd beiseite; sie schienen ihn abzulenken von der wichtigen Aufgabe, Ursachen und Dynamiken der Zustimmung zum rechten Populismus sowie die Dimensionen extrem rechter Positionen, Akteure und Praxen zu verstehen – um ihnen erfolgreich entgegentreten zu können.
In den letzten Monaten hatte sich seine Erkrankung immer stärker auf die Motorik ausgewirkt, das Sprechen fiel Alex immer schwerer. Trotz dieser immer größeren Einschränkungen verzagte er nicht, sie hielten ihn nicht davon ab, unermüdlich und in der Sache gewohnt beharrlich an Texten zu arbeiten, sich aktiv an unseren Teamsitzungen zu beteiligen und uns mit seinen Überlegungen herauszufordern.
Gerade in den gegenwärtigen Zeiten des Aufstiegs des autoritären Nationalismus wiegt der Verlust schwer. Die Lücke ist erheblich. Wir sind dankbar, Alex als Menschen und Kollegen erlebt und an seinem Wissen und Scharfsinn teilgehabt zu haben.
FORENA / Erinnerungsort – Das Team
Autor: Prof. Dr. Fabian Virchow