Öffentliche Vortragsreihe:
Die Verknüpfung von Sport, Körper und Bewegung und sozialen Kontexten hat an der Hochschule Düsseldorf Tradition: Ob als Studieninhalt in Seminaren, als Studienschwerpunkt in den Bachelor-Studiengängen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik und der Kindheitspädagogik und Familienbildung oder gar im Rahmen unserer langjährigen Kooperation mit dem Landessportbund NRW: Bewegung, Sport und körperliche Aktivitäten werden an der HSD als bedeutsame Katalysatoren des Sozialen betrachtet.
Den inhaltlichen Potenzialen und Grenzen sowie den zukünftigen Perspektiven des Themenfeldes möchten wir nun im Rahmen einer öffentlichen Vortragsreihe nachspüren. Beginnend mit dem Sommersemester 2025 laden wir Interessierte aus Disziplin, Profession, der Welt des Sports und der Stadtöffentlichkeit unter dem Titel „Horizonte“ – Sport, Körper und Bewegung in sozialen Kontexten“ herzlich an die Hochschule Düsseldorf ein, mit uns zu diskutieren und ins Gespräch zu kommen.
#1: Titus Dittmann: Skateboarding als pädagogisches Werkzeug (24. Juni 2025)
# 2: Daniel Kirchhammer (Mobilée): Mobilee erleben: Wie Sport, Körper und Bewegung als Mittel in der Sozialen Arbeit gestärkt werden (9. Juli 2025, Sporthalle, geb.3)
#3: Tim Bindel (Univ.-Prof. Dr., Johannes-Gutenberg Universität Mainz): Sport für alle? Forderung mit KonsequenzEn (18.12.2025, 10:30 - 12:00 Uhr)
Seit 2017 ist Tim Bindel Professor für Sportpädagogik/Sportdidaktik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Im Rahmen der Vortragsreihe „Horizonte – Sport, Körper und Bewegung in Sozialen Kontexten“ war er nun zu Gast an der HSD und fasst im Gespräch mit Christian Peters wesentliche Anliegen seines Vortrags zusammen.
CP: Lieber Tim, du hast angekündigt, dich in den nächsten Jahren verstärkt einem Themenfeld zuzuwenden, das du mit dem Label einer „Sozialpädagogik des Sports“ bezeichnest. Was verbirgt sich dahinter? Oder anders: Warum braucht die Welt des Sports aus deiner Sicht eine sozialpädagogische Perspektive?
Tim Bindel: In der nachpandemischen Phase hat sich der Fokus auf die Teilhabe am Sport verstärkt. Zahlreiche Projekte sind entstanden, die sich dem Ziel „Sport für alle“ zuordnen lassen. Es ist mittlerweile klar, dass damit gezielte Ansätze in Verbindung stehen, da sich das Anliegen nicht von den klassischen Settings ohne spezifischen Aufwand bedienen lassen. Schul- und Vereinssport sind nicht in erster Linie damit beauftragt, ungleiche Zugänge zum Sport zu beheben. Sie können es auch nicht. Die Soziale Arbeit wäre eine geeignete Stelle, aber hier fehlen sowohl die sportbezogenen Konzepte als auch die flächendeckenden Teilhabemöglichkeiten. Sie sozialpädagogische Perspektive ist nicht zuvorderst eine auf bestimmte Settings, sondern eine auf die Frage danach wie man (a) in den Sport (b) im Sport und (c) durch den Sport helfen kann. Zielgruppen sind alle Menschen, die unter den bekannten ungleichen Verteilungen der Zugangschancen leiden.
CP: An der Universität in Mainz bietest du für Studierende eine Service-Learning-Gruppe sport/sozial an. Worin liegt für dich die soziale Verantwortung des Sports?
Tim Bindel: Sport kann eine unterstützende Wirkung auf das Leben von Menschen haben – nicht nur gesundheitlich. Das Potenzial wird durch das vorhandene Angebot aber leider viel zu oft verschwendet oder nicht gerecht ausgeschüttet. Soziale Verantwortung bedeutet: Wir wollen einen Sport, der den unterschiedlichen Bedürfnissen entspricht und der die unterschiedlichen Bedenken der Menschen ernst nimmt. Es ist nicht immer leicht, Gruppen trennscharf zu definieren, die benachteiligt sind. Wir suchen aber danach und gehen ins Forschen und Handeln über. Zur Zeit ist das vor allem die Hinwendung zu sozioökonomisch benachteiligten Stadtbezirken und das Ernstnehmen der Bedürfnisse von Kindern, die sich vom Wettkämpfen entfremden. Wir haben einen Laborverein gegründet, der beides ernstnimmt – den Mädchensportverein Mainz e. V. Aktuell nehmen wir Einfluss auf den öffentlichen Raum und versuchen eine Freizeitanlage für Jugendliche zu konzipieren, die auch diejenigen aus den Zimmern lockt, bei denen das sonst nicht gelingt. Ein nächstes Projekt fokussiert Neurodivergenz. Wir erforschen, wie diese Sport erleben, was sie brauchen und konzipieren auch hier Zugangskonzepte.
CP: In deinem Vortrag „Sport für alle? Forderung mit Konsequenzen“ beschäftigst du dich mit einer seit Jahrzehnten vom organisierten Sport propagierten Hoffnung. Wer ist für dich „alle“? Oder vielleicht gerade: Wer ist nicht „alle“? Und: Welche Konsequenzen leitest du daraus für gesellschaftliche Bewegungs- und Sportpraktiken ab?
Tim Bindel: Alle heißt alle. Ich vergleiche das mit einem Buffet. Es ist möglich, allen Partygästen ein schönes Abendessen zu inszenieren. Wie geht das? Sie müssen natürlich nach Gerichten recherchieren, die viele mögen. Aber dann fällt ihnen auf, dass sie an vegane Ernährungsweisen denken müssen. Und nicht jeder mag mit einem Sekt anstoßen. Alkoholfreie Varianten sind wichtig. Und sie brauchen genug von allem. Dann gibt es noch Menschen mit Allergien. Klar, das fragen sie vorher ab und notfalls brauchen sie dann sogar eine ganz individuelle Alternative in der Hinterhand. Und so stelle ich mir das beim Sport vor. Zu oft ist die Reaktion auf den Mangen: Mehr davon! Aber das hilft im Sport nicht unbedingt. Es muss erst einmal in Erfahrung gebracht werden, wo die Bedürfnisse und Bedenken liegen und welche Gruppen man hier identifizieren kann. Was sind die entscheidenden Kriterien? Was heißt vegan im Kontext des Sports? Vielleicht sind das Menschen, die nicht in den Leistungsvergleich treten wollen. Also brauchen wir Angebote, die vergleichsarm sind. Allein das ist schon im Jugendsport ein Problem. Was sind die Allergiker? Solche, die auf keinen Fall was mit einem Ball machen möchten. Und wie sieht das nun im öffentlichen Raum aus? Hier gibt es vielleicht nur Fußball- und Basketballanlagen. Das Problem ist, dass niemand das Buffet organisiert. Und so haben wir nur eine zufällige Ansammlung von Angeboten. Und da wollen wir mit sozialpädagogischen Modellen und Beratungsleistungen hin – vom Verein, über die Kommune und gerne bis hin vor die großen politischen Portale. Am Ende muss jeder Verstehen, dass Sport für alle eine gut organisierte Sammlung von Angeboten für verschiedene Zielgruppen ist.
Eingelassen in und flankierend zu unseren einschlägigen Lehrveranstaltungen finden an der HSD fortlaufend Vorträge, Workshops und Diskussionen mit eingeladenen Gästen statt, die das Themenfeld Sport, Körper und Bewegung in der Sozialen Arbeit, der Kindheitspädagogik sowie der Kulturellen Bildung aufspannen, neu vermessen und weiterentwickeln.
Hier eine Übersicht über unsere eingeladenen Gäste (Auswahl) aus den vergangenen Semestern:
# Alexander Tomm (Stadtsportbund Düsseldorf): Skatepark Eller - Sport, Jugend und Teilhabe in Düsseldorf
# Benjamin Büscher (TU Dortmund): Skateboarding: Lehren und Lernen– Grundlagen, Entwicklungen und Praxis
# Carlo Melis (Tanzhaus NRW): Tanzen. Zur Poesie von Alltagsbewegungen
# Dominik Edelhoff (Universität Duisburg-Essen): Kindheitspädagogik, soziale Gerechtigkeit und Bewegung, Spiel und Sport in der Sozialen Arbeit.
# Ilka Staub (Deutsche Sporthochschule Köln): Schwimmenlernen und soziale, kulturelle, ökonomische Barrieren
# Patrick Arnold (Landesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte NRW): "Ausgrenzung und Diskriminierung im Fußball"
# Dominik Edelhoff (Universität Duisburg-Essen): Förderung sozialer Gerechtigkeit durch Bewegung, Spiel und Sport.
# Konstantin Butz (Kunsthochschule für Medien, Köln):
# Stefanie Howahl (Deutsche Sporthochschule Köln):
# Jonas Zorn (TU Dortmund): Zur Ökonomisierung des Persönlichen
# Christian Hübner (Bergische Universität Wuppertal):
# Lukas Strich & Sebastian Maruschke (Fortuna Düsseldorf): Fortuna bewegt. Fußball und Sozialraumorientierung
# Harald Michels (HSD): Zirkuspädagogik in Kontexten der frühen Kindheit
# Ulrich Deinet: Sozialraum
# Lukas Strich (Stadtsportbund):
# Stephanie Bahr: Psychomotorik