Hochschule Düsseldorf

Hochschule Düsseldorf
University of Applied Sciences
Fachbereich Sozial- & Kulturwissenschaften
Faculty of Social Sciences and Cultural Studies



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​Interview mit Tim Bindel​​​

​Seit 2017 ist Tim Bindel Professor für Sportpädagogik/Sportdidaktik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Im Rahmen der Vortragsreihe „Horizonte – Sport, Körper und Bewegung in Sozialen Kontexten“ war er nun zu Gast an der HSD und fasst im Gespräch mit Christian Peters wesentliche Anliegen seines Vortrags zusammen.

CP: Lieber Tim, du hast angekündigt, dich in den nächsten Jahren verstärkt einem Themenfeld zuzuwenden, das du mit dem Label einer „Sozialpädagogik des Sports“ bezeichnest. Was verbirgt sich dahinter? Oder anders: Warum braucht die Welt des Sports aus deiner Sicht eine sozialpädagogische Perspektive?
Tim Bindel: In der nachpandemischen Phase hat sich der Fokus auf die Teilhabe am Sport verstärkt. Zahlreiche Projekte sind entstanden, die sich dem Ziel „Sport für alle“ zuordnen lassen. Es ist mittlerweile klar, dass damit gezielte Ansätze in Verbindung stehen, da sich das Anliegen nicht von den klassischen Settings ohne spezifischen Aufwand bedienen lassen. Schul- und Vereinssport sind nicht in erster Linie damit beauftragt, ungleiche Zugänge zum Sport zu beheben. Sie können es auch nicht. Die Soziale Arbeit wäre eine geeignete Stelle, aber hier fehlen sowohl die sportbezogenen Konzepte als auch die flächendeckenden Teilhabemöglichkeiten. Sie sozialpädagogische Perspektive ist nicht zuvorderst eine auf bestimmte Settings, sondern eine auf die Frage danach wie man (a) in den Sport (b) im Sport und (c) durch den Sport helfen kann. Zielgruppen sind alle Menschen, die unter den bekannten ungleichen Verteilungen der Zugangschancen leiden.
 
CP: An der Universität in Mainz bietest du für Studierende eine Service-Learning-Gruppe sport/sozial an. Worin liegt für dich die soziale Verantwortung des Sports?
Tim Bindel: Sport kann eine unterstützende Wirkung auf das Leben von Menschen haben – nicht nur gesundheitlich. Das Potenzial wird durch das vorhandene Angebot aber leider viel zu oft verschwendet oder nicht gerecht ausgeschüttet. Soziale Verantwortung bedeutet: Wir wollen einen Sport, der den unterschiedlichen Bedürfnissen entspricht und der die unterschiedlichen Bedenken der Menschen ernst nimmt. Es ist nicht immer leicht, Gruppen trennscharf zu definieren, die benachteiligt sind. Wir suchen aber danach und gehen ins Forschen und Handeln über. Zur Zeit ist das vor allem die Hinwendung zu sozioökonomisch benachteiligten Stadtbezirken und das Ernstnehmen der Bedürfnisse von Kindern, die sich vom Wettkämpfen entfremden. Wir haben einen Laborverein gegründet, der beides ernstnimmt – den Mädchensportverein Mainz e. V. Aktuell nehmen wir Einfluss auf den öffentlichen Raum und versuchen eine Freizeitanlage für Jugendliche zu konzipieren, die auch diejenigen aus den Zimmern lockt, bei denen das sonst nicht gelingt. Ein nächstes Projekt fokussiert Neurodivergenz. Wir erforschen, wie diese Sport erleben, was sie brauchen und konzipieren auch hier Zugangskonzepte.
 
CP: In deinem Vortrag „Sport für alle? Forderung mit Konsequenzen“ beschäftigst du dich mit einer seit Jahrzehnten vom organisierten Sport propagierten Hoffnung. Wer ist für dich „alle“? Oder vielleicht gerade: Wer ist nicht „alle“? Und: Welche Konsequenzen leitest du daraus für gesellschaftliche Bewegungs- und Sportpraktiken ab?
Tim Bindel: Alle heißt alle. Ich vergleiche das mit einem Buffet. Es ist möglich, allen Partygästen ein schönes Abendessen zu inszenieren. Wie geht das? Sie müssen natürlich nach Gerichten recherchieren, die viele mögen. Aber dann fällt ihnen auf, dass sie an vegane Ernährungsweisen denken müssen. Und nicht jeder mag mit einem Sekt anstoßen. Alkoholfreie Varianten sind wichtig. Und sie brauchen genug von allem. Dann gibt es noch Menschen mit Allergien. Klar, das fragen sie vorher ab und notfalls brauchen sie dann sogar eine ganz individuelle Alternative in der Hinterhand. Und so stelle ich mir das beim Sport vor. Zu oft ist die Reaktion auf den Mangen: Mehr davon! Aber das hilft im Sport nicht unbedingt. Es muss erst einmal in Erfahrung gebracht werden, wo die Bedürfnisse und Bedenken liegen und welche Gruppen man hier identifizieren kann. Was sind die entscheidenden Kriterien? Was heißt vegan im Kontext des Sports? Vielleicht sind das Menschen, die nicht in den Leistungsvergleich treten wollen. Also brauchen wir Angebote, die vergleichsarm sind. Allein das ist schon im Jugendsport ein Problem. Was sind die Allergiker? Solche, die auf keinen Fall was mit einem Ball machen möchten. Und wie sieht das nun im öffentlichen Raum aus? Hier gibt es vielleicht nur Fußball- und Basketballanlagen. Das Problem ist, dass niemand das Buffet organisiert. Und so haben wir nur eine zufällige Ansammlung von Angeboten. Und da wollen wir mit sozialpädagogischen Modellen und Beratungsleistungen hin – vom Verein, über die Kommune und gerne bis hin vor die großen politischen Portale. Am Ende muss jeder Verstehen, dass Sport für alle eine gut organisierte Sammlung von Angeboten für verschiedene Zielgruppen ist.
  


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